Friday, July 30, 2010 Schrift: Schriftgröße: Normal Schriftgröße: Grö�er
-   Kernbeiträge
„Raus aus dem Schattendasein!“
  Extensive Dachbegrünung für schattige Standorte

Philipp Schönfeld
An der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim starteten im Oktober 2006 zwei Versuche, die klären sollen wie es um die Vitalität und den Deckungsgrad extensiver Dachbegrünungen an schattigen Standorten bestellt ist. Der Artikel schildert erste Ergebnisse. Die Versuche sollen bis 2011 fortgesetzt werden.
Varianate mit 60% Schattierung. Entwicklungszustand der Pflanzung im April 2007. Foto: Philipp Schönfeld
Extensive Dachbegrünungen sind inzwischen weit verbreitet. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Rückhaltung von Niederschlägen sowie zur Verbesserung der mikroklimatischen Situation in Siedlungsgebieten. Durch jahrzehntelange Forschungen unter erheblicher Beteiligung der LWG sind alle wesentlichen Fragen in Bezug auf Aufbau, Substrate sowie verwendbare Pflanzenarten auf sonnigen Standorten erforscht. Es gibt jedoch immer wieder Dachflächen, die durch benachbarte Gebäude oder Bäume sowie aufgehende Bauteile beschattet werden. Für diese Fälle fehlten bisher gesicherte Forschungsergebnisse über geeignete Arten. Das war der Anlass für die zwei im folgenden beschriebenen Versuche.

Erste Ideen und Versuche dazu wurden ab 1996 von Stefan Schmidt an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau (HBLFA) in Wien-Schönbrunn durchgeführt (Schmidt 2004). Nach anfänglichen Versuchen mit Ballenstauden werden dort in den gegenwärtigen Versuchen die Möglichkeiten zur Begrünung mit Risslingen und durch Aussaaten untersucht.

Die hier beschriebenen beiden Veitshöchheimer Versuche entstanden in Absprache mit dem Kollegen in Wien. Um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu verbessern wurde dasselbe Substrat verwendet. Auch bei der Wahl der Pflanzenarten ist bewusst auf Überschneidungen geachtet worden, um später die Aussagekraft der Ergebnisse zu verbessern.

Material und Methoden

Der Versuchsaufbau besteht aus Zinkblechbehältern, Größe 2,95 x 1,45 m, mit Holzboden und Ablauf sowie einer Auskleidung mit Vlies und Wurzelschutzfolie. Die Behälter stehen auf ca. 50 cm hohen Füßen. Zur Montage des Schattiergewebes wurde auf den Seitenwänden der Zinkblechbehälter ein 35 cm hoher Rahmen aus verzinkten L-Profilen angebracht. Auf der Oberseite liegt in diesem Rahmen ein zweigeteilter abnehmbarer Deckel aus Dachlatten, welcher mit dem Schattiergewebe bespannt ist. Die Seitenwände des Rahmens sind ebenfalls mit Schattiergewebe verkleidet, um den seitlichen Lichteinfall zu verhindern. Für diesen Versuch wurden drei Schattierstufen festgelegt:
• Keine Schattierung
• 19% Schattierwirkung
• 60% Schattierwirkung

Der Aufbau erfolgte als Einschichtaufbau mit 10 cm Substratstärke. Bei den Versuchen in Wien wurde nur das Substrat „Optigrün extensiv schwer“ verwendet. Dieses Substrat wird auch in dem hier beschriebenen Versuch eingesetzt. Zusätzlich kam im zweiten Versuch für 18 Staudenarten das Dachsubstrat für Intensivbegrünung der Fa. Gelsenrot zum Einsatz. Beide Substrate entsprechen den Anforderungen der FLL an Substrate für die extensive Dachbegrünung. Lediglich der Gehalt an organischer Substanz liegt über dem empfohlenen Maximalwert von 4 Massen-%. Die Analysedaten der beiden Substrate sind in Tabelle 1 verzeichnet.

Die einzelnen Zinkblechbehälter sind jeweils in 72 Parzellen à 0,06 m2 aufgeteilt. Somit ergaben sich für den ersten Versuch 864 und für den zweiten Versuch 216 Parzellen. In jede Parzelle wurde eine Staude gepflanzt.

Pflanzenauswahl

In beiden Versuchen soll die Entwicklung der Staudenarten als Einzelarten untersucht werden. Ziel dieser beiden Versuche ist es, eine möglichst große Zahl von Einzelarten zu testen. Im ersten Versuch mit dem Substrat von Optigrün werden 72 Staudenarten getestet und im zweiten mit dem Substrat von Gelsenrot noch einmal 18 Arten, von denen 9 auch im ersten Versuch enthalten sind. Jede Art wird 4-fach wiederholt.

Als Grundlage für die Staudenauswahl dienten umfangreichen Erfahrungen aus vorhergegangenen Versuchen im Bereich der Staudenverwendung. Neben Arten aus den Lebensbereichen „Gehölz“ und „Gehölzrand“ wurden auch viele Arten ausgewählt, die sich bisher auf vollbesonnten Dachflächen bewährt hatten. Frühere Beobachtungen hatten allerdings gezeigt, dass sich untern den extremen Bedingungen der extensiven Dachbegrünung viele „Sonnenanbeter“ im leichten Schatten wohler fühlen.

Ein großer Teil der ausgewählten Arten sind in Staudengärtnereien schwer erhältlich und stammen deshalb aus eigener Vermehrung. Die Pflanzung erfolgte Ende Oktober 2006 und die Abnahme am 27.02.2007. Die wenigen ausgefallenen Exemplare wurden nachgepflanzt. Weitere Nachpflanzungen erfolgten nicht.

Die Pflegemaßnahmen wurden auf ein Minimum beschränkt. Auf Düngung wird gänzlich verzichtet und eine Bewässerung erfolgt nur bei außergewöhnlich langer Trockenheit bzw. wenn ein Großteil der Arten deutliche Schäden zeigen. Das war am 25. April 2007 sowie am 16. Mai 2008 der Fall. Im Jahr 2007 und 2008 erfolgten lediglich zwei Pflegegänge zur Entfernung von Unkraut. Da sich eine Reihe der getesteten Arten stark in die Nachbarparzellen ausgebreitet hatten und die dortigen Pflanzen in ihrer Ausbreitung einschränkten, erfolgte in beiden Jahren im Zuge der zweiten Pflegegängen vor der Bonitur ein Rückschnitt auf die ursprüngliche Parzellengröße. Dieser Rückschnitt sollte eine Konkurrenz zwischen den Arten verhindern, denn das Versuchsziel ist es, die Eignung der Einzelarten zu untersuchen

Bonituren

Der Versuchsplan sieht fünf Vitalitätsbonituren zwischen der 14. und 38. KW mit den folgenden Boniturstufen vor:

1=starke Mängel, Kümmerwuchs
3=mäßige Mängel, kaum Zuwachs erkennbar
5=befriedigend entwickelt, leichter Zuwachs erkennbar
7=gut entwickelt, deutlich erkennbare Zuwachsleistung
9=sehr gut entwickelt, optimales Wachstum

Zusätzlich erfolgt in der 38. KW eine Schätzung des projektiven Deckungsgrades in den folgenden Stufen:

0 = Bedeckung 0
1 = Bedeckung 1 bis 20 %
3 = Bedeckung 20 bis 40 %
5 = Bedeckung 40 bis 60 %
7 = Bedeckung 60 bis 80 %
9 = Bedeckung 80 bis 100 %

Ergebnisse

Vitalität, Versuch 1

Die Tabelle zeigt den prozentualen Anteil der Boniturnoten 5 - 9 (befriedigendes bis sehr gutes Wachstum) für die Vitalität in Abhängigkeit von der Schattierung für alle Arten. Es ist deutlich zu erkennen, dass sich der Anteil dieser „guten“ Boniturnoten von 2007 zu 2008 verringert hat. Besonders deutlich ist diese Verringerung in der Variante „ohne Schattierung“. In den beiden anderen Varianten mit Schattierung ist der Rückgang geringer. Am wenigsten Rückgänge sind in der Variante mit 60% Schattierung zu verzeichnen.

Ein Grund für die verringerte Vitalität dürfte die deutlich geringere Niederschlagsmenge im Jahr 2008 im Vergleich zum Jahr 2007 sein. Während 2007 insgesamt 729 mm Regen fielen waren es 2008 (Stand Mitte Dezember) nur 625 mm. Gerade in der Hauptwachstumszeit im Mai und Juni fiel besonders wenig Regen. Im Mai waren es lediglich 9,7 mm. Das entspricht 16 % des vieljährigen Mittels. Auch im Juni betrug die Niederschlagsmenge mit 41,4 mm lediglich 55% des vieljährigen Mittels. Das Wasserbilanzdefizit betrug im Jahr 2007 lediglich -8,7mm; im Jahr 2008 hingegen -113,6 mm.

Zahlreiche Arten wiesen im Verlauf dieser Dürreperiode Trockenschäden auf bzw. zogen verfrüht ein. Nachdem im Juli und August wieder mehr Niederschläge gefallen waren erfolgte ein Neuaustrieb. Welche Arten ganz ausgefallen sind wird sich erst im Verlauf des Jahres 2009 feststellen lassen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich, wenn man als Maßstab die Zahl der Arten betrachtet, bei denen der prozentuale Anteil der Boniturnoten 5 – 9 bei ≥ 50% liegt. In der ersten Vegetationsperiode im Jahr 2007 ist die Zahl der Arten in allen drei Varianten praktisch gleich. Im Jahr 2008 ist das Ergebnis deutlich differenzierter. In der Variante „ohne Schattierung“ ist der Anteil von 66 auf 35 Arten gefallen. In den Parzellen mit 60% Schattierung hingegen ist nur eine Verringerung um drei Arten festzustellen (s. Tabelle 3).

Angesichts dieser Ergebnisse stellt sich die Frage, welche Arten sich im bisherigen Versuchsverlauf am besten bewährt haben. Als Auswahlkriterium dienten wieder die Boniturwerte 5 – 9. Nur Arten, deren Boniturwerte zu mindestens 90% in diesem Bereich lagen, sind in den folgenden Listen verzeichnet.

Die Liste ist in der Variante ohne Schattierung mit acht Arten recht kurz. Überraschend ist die gute Vitalität von Bergenia crassifolia. Ansonsten besteht die Liste aus Sedum-Arten, deren Eignung für die Dachbegrünung schon lange nachgewiesen ist.

Diese Liste bei 19% Schattierwirkung umfasst 16 Arten und ist damit immerhin doppelt so lang. Sie enthält immer noch sieben Sedum-Arten, die sich im auch lichten Schatten noch sehr wohl fühlen. Aber es sind noch eine Reihe von anderen Arten dazugekommen, denen es mit geringer Schattierung besser geht als in der vollen Sonne.

Bei einer Schattierwirkung von 60% umfasst die Liste 28 Arten, die sich unter diesen Bedingungen immer noch befriedigend bis sehr gut entwickelt haben. Im Vergleich mit den Arten aus den beiden vorangegangenen Varianten kann man feststellen, dass es offenbar einige sehr anpassungsfähige „Alleskönner“ unter den getesteten Arten gibt, die sowohl in der Sonne als auch im Schatten gleichermaßen gut gedeihen. Das sind: Bergenia crassifolia, Sedum ellacombianum, Sedum floriferum 'Weihenstephaner Gold', Sedum hybridum 'Immergrünchen'. Erstaunlich ist die Anpassungsfähigkeit von Bergenia. Aber auch Sedum floriferum 'Weihenstephaner Gold' sowie Sedum ellacombianum hätte man so viel Schattenverträglichkeit nicht von Anfang an zugetraut.

Vitalität Versuch 2

Im zweiten Versuch mit dem Substrat von der Fa. Gelsenrot zeigt sich eine ähnliche Entwicklung wie im eben beschriebenen Versuch 1 mit dem Substrat von Optigrün. Der prozentuale Anteil der Boniturnoten 5 – 9 liegt bei allen Varianten tiefer als beim ersten Versuch. Auch hier hat sich die Vitalität der Stauden von 2007 zu 2008 verringert. Besonders stark ist die Verringerung wieder in der Variante „ohne Schattierung“.

Auch in diesem Versuch hat sich Zahl der Arten, deren Boniturnoten zu mindestens 50% im Bereich 5 – 9 liegen von 2007 zu 2008 verringert. Der Rückgang ist in den Varianten „ohne Schattierung“ und mit 60% Schattierung besonders stark.

In der Variante „ohne Schattierung“ hat nur Fragaria vesca var. semperfl. Rügen 100% Boniturwerte zwischen 5 – 9. Es folgen mit 80% Alchemilla erythropoda und mit jeweils 75% Chrysanthemum arcticum, Globularia cordifolia und Ajuga pyramidalis 'Metallica Crispa'.

Bei 19% Schattierung weisen nur drei Arten Boniturwerte zwischen 90 und 100% auf: Chrysanthemum arcticum, Globularia cordifolia und Helianthemum nummularium. Es folgen Chamaemelum nobile (88%), Fragaria vesca var. semperfl. 'Rügen' (87%), Gypsophila repens 'Rosea' (85%) sowie Globularia cordifolia (85%) die die Grenze von 90% nur knapp verfehlt haben.

Mit 60% Schattierung überschreiten nur drei Arten die Grenze von 90% der Boniturwerte 5 – 9. Das sind Fragaria vesca var. semperfl. 'Rügen', Ajuga pyramidalis 'Metallica Crispa' und Helleborus foetidus.

Der „Überraschungssieger“ im Versuch 2 ist Fragaria vesca var. semperfl. 'Rügen', die sich in allen drei Varianten gut entwickelt hat.

Deckungsgrad
Versuch 1

Die in der folgenden Aufzählung genannten Arten wiesen im Jahr 2008 einen Deckungsgrad zwischen 60% und 100% auf. Das entspricht den Boniturnoten 7 und 9. Stellenweise war sogar ein Rückschnitt notwendig, um eine Beeinträchtigung der Nachbarpflanzen zu verhindern. Die Liste stimmt nur in Teilen mit den Arten überein, die sich als besonders vital erwiesen haben. Das ist aber kein Wunder, da viele dieser vitalen Arten horstförmig wachsen und deshalb die Parzelle nicht vollständig ausfüllen. Für die Praxis erscheint eine Mischung aus den besonders vitalen sowie den besonders ausbreitungsstarken Arten am erfolg versprechenden zu sein.

Versuch 2

Im Versuch 2 erreichten nur wenige Arten eine Flächendeckung von 60 bis 100%. Ajuga pyramidalis 'Metallica Crispa' sowie Chamaemelum nobile entwickelten sich sowohl ohne als auch mit Schattierung gut und füllten die Parzellen weitgehend aus.

Kritische Bemerkungen

Die hier dargestellten Ergebnisse beruhen auf einem Beobachtungszeitraum von lediglich zwei Jahren. Sie stellen eine erste Tendenz dar und sind deshalb mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Es ist derzeit auch noch nicht möglich mit Sicherheit anzugeben, welche Arten bisher tatsächlich ausgefallen sind. Das wird sich erst nach den ersten Bonituren im Frühjahr 2009 feststellen lassen. Diese beiden Versuche sollen noch bis 2011 fortgesetzt werden. Im Verlauf der noch folgenden drei Jahre werden sicher noch interessante Veränderungen eintreten.

Neuer Versuch

Ende Juli 2009 wurde auf der Basis der bisher gewonnen Ergebnisse ein neuer Versuch im Walderlebniszentrum Gramschatzer Wald begonnen. Das ca. 117 m2 große Flachdach der neuen Waldwerkstatt liegt im lichten Schatten der umstehenden Bäume. Als Substrat kam dieses Mal das „Dachgartensubstrat extensiv“ der Würzburger Kompostierungs GmbH zum Einsatz in einer Stärke von 10 cm. Dieses Substrat besteht zu 80 Vol.-% aus Ziegelbruch und zu 20 Vol.-% aus Kompost. Die Pflanzung erfolgte nicht mehr als Einzelartenprüfung sondern als gemischte Pflanzung mit 16 Arten (s. Tabelle 6). Es wurden nur Arten verwendet, die sich im eben beschriebenen Versuch durch eine gute Vitalität und Ausbreitungskraft ausgezeichnet hatten. Drei Arten müssen noch im Herbst nachgepflanzt werden. Die Bonituren werden im Frühjahr 2010 nach der Abnahme beginnen.

Danksagung

Ich danke unserer Gärtnermeisterin Antje Werner, die in entscheidendem Maße an der Versuchsplanung mitgearbeitet und sehr viele gute Ideen beigesteuert hat. Bei allen unseren beteiligten Landschaftsgärtnern bedanke ich mich für die bisher geleistete Arbeit beim Aufbau und der Pflege des Versuchs.

SERVICE
Aktuelle Ausgabe
Aus dem Inhalt
Umweltgerecht bauen und dokumentieren
Standortbestimmung Bauwerksbegrünung
Langzeitentwicklung pflegeloser Dachbegrünungen
Grünflächen kreativ pflegen
mehr...
GaLaBau-Wissen
GaLaBau Wissen
„Der Weg nach oben“
Der Bau einer Treppe erfordert absolute Genauigkeit, denn der Benutzer sollte mit der letzten Stufe genau oben ankommen – nicht zu tief und auch nicht zu hoch. Manchem treibt das die Schweißperlen auf die Stirn.
mehr...
Alle Artikel

Patzer Verlag Berlin Hannover
Koenigsallee 65, 14193 Berlin, Tel.: 030 - 89 59 03-0  | Alter Flughafen 15, 30179 Hannover, Tel.: 0511 - 674 08-0 
 

AktuellesAboShopMediadatenKontakt | Verlag | TerminkalenderBaubörse | Leistungs- und Lieferverzeichnis | Archiv | Links | Newsletter 

Copyright 2008 Patzer Verlag GmbH & Co. KG   Impressum Login