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Versickerungsmulden standortgerecht bepflanzt
 

Angelika Eppel-Hotz
Naturnahe Regenwasserbewirtschaftung braucht Versickerungseinrichtungen. Aber wie können sie begrünt werden? In einem Pilotprojekt im Steigerwald gewannen Forscher der Bayerischen Landesanstalt Weinbau und Gartenbau (LWG) Erkenntnisse, welche Pflanzen nicht nur Trockenheit ertragen, sondern auch zeitweilige Überstauungen tolerieren können.
Versickerungsmulde mit trockenheitsliebenden Stauden. Foto: Angelika Eppel-Hotz
Mit dem ersten Spatenstich startete im August 2007 ein Pilotprojekt zur naturnahen Regenwasserbewirtschaftung in der Gemeinde Willanzheim im Steigerwald. Projektbeteiligte sind neben der Gemeinde das Landschaftsarchitekturbüro Frieder Müller-Maatsch aus Burghaslach und die Abteilung Landespflege der LWG Veitshöchheim. In einem Neubaugebiet am nördlichen Ortsrand der Gemeinde wurden im Vorgriff der eigentlichen Baumaßnahmen entsprechende Versickerungseinrichtungen in Form von bepflanzten Mulden errichtet. Ziel der Maßnahme ist es, kein Niederschlagswasser aus dem bebauten Gebiet zusätzlich in die Vorflut abzuleiten. Die Konzeption der Versickerungseinrichtungen erfolgte durch das Landschaftsarchitekturbüro unter Einbeziehung von Versuchsergebnissen der Abteilung. Die offenen Haltungen und Mulden wurden hierbei in ein ästhetisches Gesamtkonzept integriert. Die Planung der Bepflanzung für die Sickermulden sowie die Vorbereitungen für deren Ausschreibung übernahm das Sachgebiet Pflanzenverwendung und Freiraumplanung der Abteilung Landespflege. Im November 2007 erfolgte die Pflanzung durch einen Landschaftsbaubetrieb. Bisher haben sich die Mulden sehr gut entwickelt. Die Pflanzen zeigten ein gutes Anwachsergebnis. Nach der Abnahme im Frühjahr 2009 wurden die Flächen der Gemeinde übergeben. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Pflanzung während der Baumaßnahmen und unter der Bewirtschaftung durch die neuen Nutzer weiterentwickeln wird.

Problemstellung

In der Diskussion um Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrsflächen und der daraus resultierenden Hochwassergefahr wird zunehmend über die Versickerung von Regenwasser nachgedacht. Die positiven Effekte bei der Zuführung von Regenwasser zum Grundwasser, wie die klimatische Ausgleichswirkung durch Verdunstung und die Entlastung der Vorflut wird mit einem dafür notwendigen Flächenverbrauch erkauft, der aber Möglichkeiten zur Grüngestaltung bietet. Modellversuche an der LWG und an anderen Standorten haben vielversprechende Ansätze zur Gestaltung von Versickerungseinrichtungen aufgezeigt. Hinzu kommt, dass sich die Leistungsfähigkeit von Mulden durch eine entsprechende Pflanzenverwendung noch signifikant steigern lässt.

Im Vorhaben werden die Ergebnisse aus diesen Modellversuchen an einem großen und realen Projekt umgesetzt und auf die Funktion unter realen Bedingungen überprüft. Ein Ziel des Projektes ist es auch, eine Empfehlungsliste geeigneter Pflanzenarten für Versickerungsstandorte zu erarbeiten. Da die Funktionsweise der Versickerung nur durch eine Langzeitbeobachtung bewertet werden kann, ist von einer mindestens 5-jährigen Projektlaufzeit auszugehen.

Standort- und Projektbeschreibung

Im Pilotprojekt wurde in einem Neubaugebiet der Gemeinde Willanzheim im Steigerwald vom Büro Frieder Müller-Maatsch, Freier Landschaftsarchitekt in Burghaslach die Konzeption entsprechender Versickerungseinrichtungen in Planung und Bauleitung übernommen. Die Abteilung Landespflege der LWG Veitshöchheim stand hierbei beratend zur Verfügung, was vorausgegangene Versuchsergebnisse zur Regenwasserversickerung anbelangte. Außerdem erstellte das Sachgebiet Pflanzenverwendung und Freiraumplanung die Pflanzpläne für die Versickerungsmulden. Die Gemeinde Willanzheim liegt 259,6 m ü. NN, die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 7,5°-8°C bei einer jährlichen Niederschlagssumme von 600 mm. Das Gelände weist eine leichte Ost-Hang-Lage auf. Der anstehende Boden ist ein tonig-sandiger Schluff und ist mit einem Durchlässigkeitsbeiwert kf von ca. 3 * 10-5 bis 1 * 10-4 gut für die Versickerung geeignet. Zunächst wurde das Baugebiet in seiner Gesamtheit von 4,4 Hektar überplant.

In drei offenen Entwässerungssträngen soll das komplette Niederschlagswasser kaskadenartig durch Überlauf von einer Haltung in die nächst tiefere abgegeben werden. Die Bevorratung umfasst sowohl das Wasser der öffentlichen Erschließung als auch das abgeleitete Regenwasser der Privatgrundstücke. An der tiefsten Stelle des Kaskadensystems wird eine Messeinrichtung installiert, die den Überlauf in die Vorflut zu Kontrollzwecken aufzeichnen soll. Darüberhinaus soll auch die Qualität des Sickerwassers untersucht werden. Die Versickerungseinrichtungen sind Teil der privaten Erschließungsflächen und sollen nach der Bebauung in die Obhut der privaten Bauherren über gehen. In der ersten Bauphase wurden auf rund 1 Hektar Fläche 10 Bauplätze erschlossen. Im Vorgriff auf die eigentlichen Baumaßnahmen wurden im Sommer und Herbst 2007 vier Mulden mit einem Fassungsvermögen von je ca. 30 m³ sowie zwei nachgeordnete Überlaufbecken mit einem Volumen von insgesamt 116 m³ angelegt. Die versickerungsaktive und bepflanzbare Fläche in den Mulden beträgt bei einer Tiefe von 60 cm ca. 50 m² bei einer Böschungsneigung von 1:1,5 bis 1:2. Die beiden Überlaufmulden sind 1,90 m bzw. 1,20 m tief. Das Böschungsverhältnis liegt bei 1:2. Die versickerungsaktive Fläche umfasst 80 m² bzw. 110 m². Alle Mulden wurden Ende November 2007 bepflanzt. Ein entsprechender Übersichtsplan befindet sich in der Abbildung 1.

Pflanzenauswahl und -verteilung

Im Hinblick auf die Wasserverfügbarkeit in den Mulden gibt es noch kaum Erfahrungen aus vergleichbaren Projekten. Auch kann im Vorfeld nicht geklärt werden, inwieweit die Entwässerung der Grundstücke durch eine Zisternennutzung beeinflusst wird. Prinzipiell müssen die Pflanzen während der Vegetationszeit überwiegend mit Trockenheit zurecht kommen, aber auch zeitweilige Überstauungen tolerieren können. Nach wasserwirtschaftlichen Vorgaben dürfen im Sohlbereich der Mulden keine Gehölze verwendet werden. Selbstverständlich sollen die Pflanzungen als öffentlich wirksame Freifläche eine hohe Attraktivität aufweisen.

Erste Ergebnisse aus Versuchen zur Versickerung an der LWG lieferten Anhaltspunkte, welche Pflanzen sich für derartige Situationen eignen. Geranium sanguineum ‘Compactum‘, Achillea millefolium (rote Sorte), Calamagrostis arundinacea var. brachytricha, Inula ensifolia ‘Compacta‘ sowie Teucrium chamaedrys erwiesen sich hierbei als dauerhaft vital. Diese Arten wurden in einem Versuch mit Versickerungsmulden unterschiedlicher Substrataufbauten geprüft, in denen der Oberflächenabfluss definierter Anschlussflächen auch bis zum Überstau bei Starkregenereignissen kontinuierlich simuliert wurde. Die Bewirtschaftung des Oberflächenabflusses der Gebäude und Belagsflächen im Betriebsgelände der Abteilung Landespflege erfolgt ebenfalls durch bepflanzte Versickerungsmulden. Folgende weitere Arten konnten sich hier behaupten: Iris sibirica in Sorten ‘White Swirl‘ und ‘Caesar‘, Lysimachia ciliata ‘Firecracker‘, Hemerocallis citrina und Hemerocallis middendorfii, Molinia in Arten und Sorten, Eupatorium fistulosum - Sorten, Lythrum salicaria und Sorten sowie Vernonia arkansana. Als zusätzliches Auswahlkriterium wurde nach Arten gesucht, welche aufgrund ihres natürlichen Vorkommens auf wechselfeuchten bzw. wechseltrockenen Standorten für die gegebenen Zwecke infrage kommen. Recherchen zufolge fiel die Wahl auf Halimodenron halodendron, Aronia melanocarpa, Inula salicina, Ajuga genevensis sowie Ononis spinosa. Allerdings konnten nur die beiden erstgenannten Arten im Handel beschafft werden.
Letztendlich wurden zwei verschiedene Pflanzenkombinationen zusammengestellt. Von vier Mulden wurden je zwei mit einer Artenauswahl für eher trockene Verhältnisse bestückt und zwei mit Arten, die eher einen frischen Standort bevorzugen. Die Gestaltung der Böschungskrone wurde auf die Artenauswahl im Inneren abgestimmt. Die beiden eher „frisch“ gehaltenen Mulden erhielten hierbei im Kronenbereich eine Rasenansaat mit RSM 7.2.1. Die Überlaufbecken wurden ebenfalls mit trockenheitsliebenden Arten ausgestattet. Lediglich im Sohlbereich des ersten Beckens wurde die Vegetation wie bei den Mulden 1 bis 4 auf gelegentliche Vernässung abgestimmt. Die Zusammensetzung der Bepflanzung geht aus den Tabellen 1 bis 3 hervor.

Zur Pflanzvorbereitung wurde in allen Mulden im versickerungsaktiven Bereich auf Miete gelagerter Oberboden aus der ehemals landwirtschaftlichen Fläche 20 cm dick aufgetragen. Die „trocken“ ausgestatteten Mulden waren vor der Pflanzung bereits mit Steinschüttungen als mineralischem Mulch versehen. Für die Pflanzbereiche war ein Sandstein der Körnung 20-60 mm vorgesehen. Um die flachen Randbereiche der Böschungskrone sollte die Körnung auf 60-120 mm erhöht werden. Zur Gestaltung wurden außerdem Einzelfindlinge in den Größen 20-50 cm und 50 bis 80 cm eingesetzt. Durch die 10 cm dicke Mulchschicht musste hindurch gepflanzt werden. Dies erwies sich in der Praxis als recht mühsam, da beim Auftrag durch die Tiefbaufirma die Steinschüttung im Pflanzbereich auch grobkörnigeres Material in z.T. höherer Auftragsstärke erhielt.

Um den Zeitaufwand bei der Pflanzung möglichst gering zu halten, wurden die „trockenen“ mit Mineralmulch versehenen Mulden 1,4, 5 und 6 als „Teilmischpflanzungen“ konzipiert. Die Innenbereiche wurden in einer Dichte von ca. 2 Pflanzen/m² in den Mulden 1 und 4 komplett bepflanzt. Festgelegt wurde nur die Lage der Gehölze und Solitärstauden sowie einzelner für die Farbgestaltung relevanter Arten, wie z. B. Nepeta x faassenii ‘Six Hill’s Giant‘ oder Salvia verticillata. Die restlichen Pflanzen wurden nach dem Zufallsprinzip verteilt. An der Böschungskrone wurden nach den Gestaltungsvorgaben des Büros Müller-Maatsch Pflanzinseln mit einer Größe von 5 m² und 10 m², bei den großen Überlaufmulden auch Bereiche von 15 m² geschaffen, die von vegetationsfreien Steinflächen unterbrochen werden. So steht dem Bauherren später noch die Möglichkeit offen, bei Bedarf eigene Pflanzen zu ergänzen. Wie im Innenbereich wurde hier eine „Teilmischpflanzung“ mit ähnlicher Pflanzdichte ausgeführt. Aus gestalterischen Gründen zieht sich bei den großen Überlaufmulden die inselartige Bepflanzung von der Krone in die Böschung hinein.

Die „frischer“ gehaltenen Mulden 2 und 3 erhielten im versickerungsaktiven Bereich eine differenziertere Pflanzenausstattung. Diese wurde exakt nach Plan gepflanzt. Da der Anteil der Solitärstauden ca. 25 % beträgt, ist eine Gesamtstückzahl von 5 Pflanzen pro m² ausreichend, um eine geschlossene Pflanzung zu erzielen. Dies ist vor allem zur Vermeidung von Bodenerosionen im Böschungsbereich wichtig. Im Frühjahr 2009 wurden die Flächen mit Splitt abgemulcht.

Bedingungen am Standort in den ersten beiden Vegetationsperioden

Die Frühjahres- und Sommermonate 2008 zeichneten sich durch anhaltende Trockenphasen aus. Ein Starkregenereignis Anfang/Mitte Juni 2008 führte allerdings dazu, dass die Gräben kurzzeitig vollständig mit Wasser gefüllt waren. Hieraus entstand ein erhöhter Unkrautdruck und ein Wachstum von Gras in den Mulden. Dieses wurde aus der Parkplatzrasenansaat ausgeschwemmt. Aus den angeschlossenen versiegelten Flächen kam es bei Regen erwartungsgemäß zum Oberflächenabfluss, der in den Mulden versickerte.

Die Fertigstellungspflege im Verlauf der Vegetationsperiode 2008 erwies sich durch die anhaltenden Trockenperioden relativ aufwändig. Aus den umgebenden Flächen resultierte außerdem ein starker Unkrautdruck. So wurden die Staudenflächen zwischen Mai und Oktober 2008 sechs mal bewässert und vier mal gejätet. Die Abnahme wurde nach einer Nachpflanzung und abschließender Pflegemaßnahme im Frühjahr 2009 durchgeführt. Der hohe Unkrautdruck hielt auch innerhalb der Vegetationsperiode 2009 an, so dass hier ebenfalls ein nicht unerheblicher Zeitaufwand für die Gemeinde vonnöten war.

Entwicklung der Pflanzen zum bisherigen Zeitpunkt

Insgesamt war das Anwachsergebnis gut, wobei die Pflanzungen mit trockenheitsliebenden Arten in den Mulden 1, 4, 5 und 6 erwartungsgemäß das bessere Ergebnis erzielten. Hier lag die Ausfallquote zwischen 21 % und 13 %, während bei den frischebedürftigen Artenzusammenstellungen 22 % der Pflanzen ausfielen. (Ergebnis siehe Tab. 1 bis 3). Folgende Arten zeigten besonders schlechte Anwachsergebnisse: Aster amellus ‘Veilchenkönigin’, Aster laevis ’Blauschleier‘, Origanum laevigatum ‘Herrenhausen’, Calamintha nepeta var. nepeta, Calamagrostis arundinacea var. brachytricha, Carex buchananii, Gillenia trifoliata, Panicum virgatum ’Rotstrahlbusch’ sowie Coreopsis verticillata ’Zagreb’. Bei den Arten der trockeneren Mulden sind vermutlich die ungünstigen Bedingungen bei der Pflanzung durch die grobe Körnung der Steinschüttung bei schlechtem Bodenschluss eher verantwortlich für die relativ schlechten Anwachsergebnisse als die klimatischen Verhältnisse.

Besonders gut überdauert haben folgende Arten: Sedum telephium ‘Matrona’, Veronica teucrium, Salvia verticillata in Sorten, Geranium sanguineum ’Elsbeth‘, Inula ensifolia ’Compacta‘, Geranium renardii ’Philippe Vapelle’, Achillea filipendulina ‘Coronation Gold’, Iris sibirica in Sorten, Iris spuria ’Highlight Lavender’, Euphorbia polychroma, sowie auch Nepeta x faassenii ’Six Hill’s Giant’ und Ajuga reptans ’Atropurpurea’. Von den Gräsern schnitt Stipa calamagrostis ‘Algäu’ am besten ab. Bei den Gehölzen gab es praktisch keine Ausfälle. Auch die etwas feuchteliebenderen Arten im Sohlbereich, wie z. B. Lythrum salicaria ‘Stichflamme’, Filipendula ulmaria ‘Plena’, Eupatorium fistulosum ‘Glutball’, Vernonia arkansana und Bistorta amplexicaulis ‘Firetail’ waren bei der Auszählung im November 2008 noch fast in kompletter Stückzahl vorhanden.

Insgesamt zeigten sich alle Mulden auch während der aktuellen Vegetationsperiode sehr attraktiv. Vor allem die genannten Arten zeigten eine sehr gute Weiterentwicklung und sorgen dafür, dass sich die Vegetationsdecke allmählich schließt. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Pflanzungen weiter entwickeln werden, wenn die Baumaßnahmen beginnen bzw. an die neuen Nutzer übergeben werden. Eine zuverlässige Bewertung der Pflanzen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit in den Versickerungsflächen kann erst nach ein paar Jahren erfolgen, wenn die Mulden längere Zeit in der Praxis genutzt wurden. Die Bilanz zum jetzigen Zeitpunkt ist durchaus positiv.

Hinweise für die Praxis

Die Entwicklung und Funktionsfähigkeit der bepflanzten Mulden ist stark davon abhängig, wie gut der Nutzer sich mit dem System identifiziert, wie genau er in die notwendigen Pflegemaßnahmen eingewiesen wurde und wie engagiert er sie umsetzt. Der Erfolg des Projektes ist letztendlich auch abhängig von einer guten Informationspolitik zwischen den beteiligten Projektpartnern und den zukünftigen Bauherren.

Viele Pflanzenarten, die aufgrund ihres natürlichen Vorkommens zur Verwendung in Sickermulden infrage kommen, sind leider im Handel nicht erhältlich. Es wäre wünschenswert, diese z. T. heimischen Arten in die Sortimente aufzunehmen, um sie auf ihre Leistungsfähigkeit prüfen zu können.

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